Historischer Hintergrund und aktuelle Trends

Bis in die 1950er Jahre war Wiederverwenden die Regel: Verpackungsmaterial war teuer, so dass Unternehmen ein grosses Interesse daran hatten, es wieder zu gebrauchen. Aufgrund verschiedener gesellschaftspolitischer Veränderungen wurden Einwegverpackungen aber immer wichtiger – vorangetrieben von Verpackungsherstellern und Materiallieferanten: Mehr Konsum bedeutete für sie grössere Märkte und damit mehr Gewinn. Aber auch der Boom der grossen Supermärkte sowie der individuellen Mobilität und die technischen Errungenschaften beim Kühlen und Lagern haben unsere Konsumgewohnheiten nachhaltig verändert. Und schliesslich trennten sich durch die voranschreitenden Globalisierung auch noch Produktion und Konsum räumlich voneinander. Das Verpacken wurde zentralisiert und Gewinne konnten dank Grössenvorteilen maximiert werden.

Definition Mehrweg bzw. Wiederverwendung

Unter Wiederverwendung bzw. Mehrweg verstehen wir die erneute Verwendung eines Produkts ohne weitere Verarbeitungsschritte. Reinigen und Befüllen ganzer gesammelter Glasflaschen gehört dazu, Schmelzen und Formen neuer Glasflaschen hingegen nicht (Recycling)1.

Durch einen immer mobileren Lebensstil und ein immer höheres Arbeitstempo entstand ein neues Paradigma: praktisch zum Mitnehmen.

So kam es, dass die traditionelle Mehrwegglasflasche mehrheitlich durch die kleinere und leichtere Einwegflasche aus PET ersetzt wurden 2.

Zusätzlich liess der steigende Konsum einer wachsenden Bevölkerung die Müllberge aus Getränkeverpackungen weltweit wachsen.

Getränkeverkauf von 1999 bis 2019 für 93 Länder 3

 Vente de boissons de 1999 à 2019 pour 93 pays

Die Schweiz: gut, aber nicht gut genug

Die Schweiz ist da keine Ausnahme. Obwohl sie als Recycling-Weltmeisterin gilt, verbraucht sie im internationalen Vergleich sehr viele Rohstoffe und produziert sehr viel Abfall. Der Materialverbrauch und die Abfallmenge nehmen sogar weiter zu 4.

Zudem ist in der Schweiz ein rückläufiger Trend bei wiederverwendbaren Getränkeverpackungen zu beobachten5.

Lebenszyklus von Glasflaschen in der Schweiz

Im Jahr 2020 wurden in der Schweiz 331 655 Tonnen Flaschen verkauft. Der grösste Teil davon war aus Glas, insgesamt 270 804 Tonnen. Laut dem Schweizerischen Verein für umweltgerechte Getränkeverpackungen (SVUG) sind das vor allem Wein- und Bierflaschen.

Von diesen Glasflaschen werden 44 % in der Schweiz hergestellt, die restlichen 56 % werden importiert 6.

Von allen Flaschen, die 2020 in der Schweiz auf den Markt kamen, sind nur 9,6 % Mehrwegflaschen (d. h. Pfandflaschen, siehe Kasten zum rechtlichen Hintergrund).

Ein Abwärtstrends setzt sich fort: 2019 betrug der Anteil an Mehrwegflaschen noch 12,7 %. Diese aussergewöhnlich hohe Abnahme ist aber auch auf die Schutzmassnahmen gegen Covid-19 zurückzuführen (geschlossene Gastronomie, keine Veranstaltungen) 7. Denn Mehrwegflaschen werden hierzulande hauptsächlich im Gastgewerbe eingesetzt, in dem kein Pfand erhoben werden muss und die Wiederverwendung in einem geschlossenen Kreislauf gut funktioniert: Rücklaufquote zwischen 96 % und 99 % 8.

Rechtlicher Hintergrund

Das Schweizer Recht hat mit der Verordnung über Getränkeverpackungen (VGV) spezielle Gesetze für Flaschen. Die Verordnung sieht eine vorgezogene Entsorgungsgebühr (VEG) für Glasflaschen vor, die in der Schweiz auf den Markt gebracht werden. Die so generierten Einnahmen sollen unter anderem zur Finanzierung folgender Zwecke verwendet werden:

  • die Sammlung und den Transport von Altglas
  • das Reinigen und Sortieren von intakten Glasverpackungen
  • Informationskampagnen zur Förderung der Wiederverwendung

In der Praxis wird das Geld aber fast nur zur Finanzierung von Recycling und Downcycling verwendet, nicht für die Wiederverwendung.

Dieselbe Verordnung schreibt vor, dass Händler, Hersteller und Importeure von Mehrwegflaschen ein Pfand auf diese Verpackungen erheben und diese zurücknehmen müssen. Es gibt aber keine gleichlautenden Verpflichtungen für den Verkauf und die Sammlung von Einwegglasflaschen.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Schweiz verbieten die Wiederverwendung von Glasflaschen also nicht, aber benachteiligen sie durch strenge Vorschriften. So fördern sie indirekt das Einwegsystem: Es ist unkomplizierter in der Handhabung 9.

Abfallverwertung/Recycling (Haushalte und Gewerbe) in Prozent (2019)10

0%
pflanzliches Material
0%
Papier und Karton
0%
Glas (9 % Flaschen, 2 % Sonstiges)
0%
elektronische und elektrische Geräte
0%
Textilien
0%
PET
0%
Sonstiges
image d'une poubelle de recyclage
Recyclingquote trügt

In offiziellen Mitteilungen wird meist behauptet, die Schweizer Recyclingquote für Glasverpackungen läge zwischen 94 und 95 %. Die Zahlen sind allerdings trügerisch, denn sie beziehen sich nicht auf die tatsächlich recycelten Flaschen, sondern nur auf die gesammelte Menge. Zudem sagt sie nichts dazu, was mit dem gesammelten Altglas geschieht, also ob das Glas wieder zu Glasflaschen recycelt oder lediglich zu anderen Produkten «downgecycelt» wird. Daher handelt es sich eigentlich um eine Sammelquote 11.

Von dem im Jahr 2020 gesammelten Glas wurden etwa 64 % exportiert, 24 % recycelt (siehe Kasten «Recyclingquote trügt»), 9 % zu Glassand downgecycelt, 2 % verbrannt und nur 0,6 % wiederverwendet 12. Da VetroSwiss in seinen Statistiken aber nur das von grossen Dienstleistern gesammelte Glas berücksichtigt (Anmeldung für VEG-Rückvergütung), sind in der letzten Prozentangabe nicht alle Mehrwegflaschen erfasst. Keiner weiss also genau, wie viele Flaschen tatsächlich wiederverwendet werden, weil die Sammlungen kleiner und privater Anbieter statistisch vernachlässigt wird.

Randbemerkung: Die Abfallstatistiken der Schweiz basieren auf Schätzungen und Hochrechnungen. So gibt es je nach Quelle grosse Unterschiede. Da wir hier mit unterschiedlichen Quellen arbeiten, haben wir nicht den Anspruch, «flaschengenau» zu sein. Wir wollen vielmehr einen allgemeinen Eindruck des Rohstoff- und Abfallstroms der Schweiz vermitteln. Ausserdem wollen wir darauf hinweisen, dass die Materialflüsse in den letzten Jahren durch die Pandemie beeinflusst sind.

Auf dem Weg zu mehr Mehrweg

Die aufgezeigten Zahlen und die folgende Abbildung zeigen: Der derzeitige Lebenszyklus von Glasflaschen in der Schweiz ist vor allem linear. Das bedeutet auch, dass die Schweiz ständig neue Rohstoffe braucht und stark vom Ausland abhängig ist, am Anfang aber auch am Ende des Lebenszyklus, denn 60 % der Flaschen werden schliesslich im Ausland entsorgt.

Die folgende Grafik zeigt, wie sich das derzeitige System zur Entsorgung von Glasflaschen in der Schweiz durch die Ausweitung von Mehrweg entwickeln könnte.

aktuelle Situation

Ausweitung Mehrwegsystem für Flaschen

Eine Rückkehr zum Mehrwegsystem verringert die negativen Umweltauswirkungen, stärkt die lokale WIrtschaft und schafft Arbeitsplätze (grüne Pfeile) und reduziert die Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland (kleinere rote Pfeile).

Die Schweiz würde sich damit ausserdem der Entwicklung ihrer Nachbarländer anschliessen, welche sich ambitionierte Ziele gesetzt haben, Mehrweg zu stärken und Einwegp zu reduzieren. Der neue Aktionsplan für eine Kreislaufwirtschaft der Europäischen Union sieht etwa vor, die Verwendung bestimmter Verpackungsmaterialien zu beschränken, wenn andere, wiederverwendbare möglich sind.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Will die Schweiz vermehrt auf Mehrweg setzen, müssen Vertriebs- und Sammelsysteme für Mehrwegflaschen eingerichtet und Waschanlagen gebaut und bestehende ausgebaut werden. Damit das organisatorisch umsetzbar und finanziell machbar ist, braucht es Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Denn nur wenn Produzent/innen, Händler/innen, Konsument/innen und Sammler/innen am gleichen Strick ziehen, kann ein Mehrwegsystem funktionieren. Da sich nationale Systeme leider nicht in kurzer Zeit ändern lassen, müssen regionale Akteur/innen aktiv werden, sich zusammenspannen, vernetzen und gemeinsam daran arbeiten, ein Mehrwegsystem aufzubauen.

Es gibt verschiedene Modelle: zwischen Unternehmen und Konsument/innen («business-to-consumers» kurz «B2C»), zwischen Unternehmen («business-to-business«, kurz «B2B») oder innerhalb eines Unternehmens. Gastronomen oder Produzenten können ein eigenes Sammel- und Waschsystem entwickeln (z.B. «in-house»-Waschanlage) oder mit anderen Akteuren zusammenarbeiten, um die Logistik und das Waschen auszulagern. Darüber hinaus kann das Sammeln in verschiedenen Formen organisiert werden: z. B. durch das Abholen leerer Flaschen vor der Haustüre («Milchmann-Modell»), durch das Sammeln in Geschäften über ein Pfandsystem oder mit dem Aufstellen von Sammelautomaten13.

image d'un magasinier portant une caisse de verre vide

Wichtig: im Kontext agieren

Die verschiedenen Systeme haben sich in unterschiedlichen Kontexten bewährt. Aus diesem Grund ist es entscheidend, das lokale Umfeld zu analysieren (Interessengruppen, Infrastruktur, Geografie usw.), um zu verstehen, welches System im jeweiligen Kontext am besten funktioniert.